18.09.2021 | Stuttgart

Stillachhaus-Campus Akademie Symposium in Stuttgart

Nudging: Können wir schlauer handeln als wir denken?

Referent: Univ.-Prof. Dr. Jürgen Margraf | Alexander von Humboldt-Professur für klinische Psychologie und Psychotherapie, Ruhr-Universität Bochum

Die meisten von uns kennen den gesunden Lebensstil: Viel Bewegung, die richtige Ernährung, stabile Beziehungen, nicht zu viel Stress. Aber nur die wenigsten von uns setzen das wirklich um – warum? Wir Menschen sind zu recht stolz auf unser Denkvermögen. Unsere Informationsverarbeitung ist bewundernswert erfolgreich, aber ihre Kapazität ist nicht unbegrenzt. Unser Denken ist daher nicht vollkommen rational, sondern nur begrenzt rational. Im Alltag behelfen wir uns mit einer Vielzahl meist einfacher Faustregeln, sogenannten Heuristiken. Diese erlauben rasches Urteilen und Handeln. Häufig sind sie solide Leitlinien für die Lebensbewältigung. Sie können jedoch auch in die Irre führen, und dies sogar systematisch. Die moderne Psychologie hat dies detailliert beschrieben und die verantwortlichen Mechanismen identifiziert. Wir verhalten uns unvernünftiger, als wir meinen – selbst wenn wir das Richtige kennen. Wenn wir aber die Eigenheiten der menschlichen Informationsverarbeitung kennen, können wir uns selbst „überlisten“ und tatsächlich schlauer handeln als wir denken. Hier setzt das „Nudging“ an. Es bezeichnet sanfte „Schubser“ in die richtige Richtung, die uns helfen, schlauer zu handeln, als wir denken können. Es geht nicht um Verbote oder so starke Anreize, dass unsere Handlungsfreiheit unangemessen eingeschränkt wird. Stattdessen sollen dem Einzelnen auf der Basis unseres „kognitiven Bauplans“ die optimalen Chancen für kluges Handeln in unserem besten Interesse gegeben werden. Beispiele für erfolgreiches Nudging sind die Steigerung von Organspenden und Vorsorgeuntersuchungen durch „Opt-Out“ statt „Opt-In“ oder gesündere Ernährung durch Obstschalen in der Kantine und kleinere Gefäße bei Süßgetränken. Kritisch ist manchmal die Rede von Manipulation und „Big Brother“, die unsere vermeintlich freien Entscheidungen unterminieren. Hier ist eine gesellschaftliche Wertedebatte vonnöten. Nudging muss explizit und auf der Basis eines Wertekonsenses erfolgen. Dabei ist es wichtig, dass wir ohnehin nie völlig unbeeinflusst handeln. Wenn es aber schon Einflüsse gibt, dann doch lieber explizit, in voller Kenntnis der Absichten, auf der Basis eines breiten Konsenses und in die richtige Richtung. Mit Hilfe des über viele Menschen kumulierten Wissens und angemessener prozeduraler Hilfsmittel kann dann auch der Einzelne, kann jeder von uns schlauer handeln als wir denken können.

Von der Facebook-Nutzung zur Facebook-Sucht

Referentin: PD Dr. Julia Brailovskaia | Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit, Fakultät für Psychologie, Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychotherapie, Ruhr-Universität Bochum

Die Nutzung von sozialen Online-Plattformen, wie Instagram und Twitter, gehört zum heutigen Alltag von vielen Menschen weltweit. Neben den vielfältigen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung bieten die Plattformen ihren Mitgliedern die unterschiedlichsten Funktionen, um sich zeit- und ortsunabhängig miteinander online zu verbinden und soziale Interaktion zu betreiben. Trotz der offensichtlichen Vorteile kann die Nutzung schwerwiegende negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit haben, die den meisten Menschen nicht bewusst sind. Insbesondere die positiven Erfahrungen von Freude und sozialer Unterstützung durch das Eintauchen in die Online-Welt können die Entwicklung einer suchtartigen Bindung an die Plattformen begünstigen. Im Rahmen des Vortrags wird am Beispiel der aktuell größten und populärsten sozialen Plattform Facebook der Weg von der Nutzung bis zur Entwicklung der suchtartigen Merkmale erläutert. Dabei werden aufbauend auf dem neusten Stand der Forschung die Risikofaktoren, die diese Entwicklung begünstigen sowie ihre schädigenden Konsequenzen für die psychische Gesundheit vorgestellt. Abschließend werden Faktoren behandelt, die zu einem kompetenten Umgang mit sozialen Plattformen und somit auch zum Schutz der psychischen Gesundheit im Zeitalter der digitalen Revolution beitragen können.

Einsamkeit in der modernen Welt-Trends und Möglichkeiten

Referentin: Prof. Dr. Sonia Lippke | Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin, Jacobs University Bremen

Unter dem Begriff Einsamkeit versteht man das subjektive Leiden unter Alleinsein und das Gefühl, nicht verstanden zu werden oder Resonanz zu vermissen. Auch wenn die Einsamkeit in der Bevölkerung nicht ansteigt, so nimmt doch das Interesse am Thema und darüber zu sprechen zu. Dies bietet viele Chancen, denn die Angst vor Alterseinsamkeit beschäftigt viele Menschen und auch die Frage nach veränderter Kommunikation stellt soziale Bindungen und Interaktionen in Frage. Maßnahmen gegen Einsamkeit sind sowohl sozial als auch ökonomisch sinnvoll. So konnte gezeigt werden, dass sich gezielte Angebote rechnen: Jedes hierfür investierte britische Pfund entlastete öffentlichen Kassen an anderer Stelle um 1,26 Pfund – zum Beispiel im Gesundheitswesen. Denn Einsamkeit kann krank machen – und sie kann auch ansteckend sein. Das klingt zunächst merkwürdig, denn einsam zu sein bedeutet ja in der Regel, wenig Kontakt mit anderen Menschen zu haben. In unserem digitalen Zeitalter verbreiten sich die Folgen von Einsamkeit jedoch über soziale Netzwerke. Viele Menschen, denen es an zwischenmenschlicher Resonanz fehlt, verstricken sich zunehmend in die eigene Gedankenwelt. Einige finden im Internet und Sozialen Medien Hilfe, viele jedoch bestärken sich dort auch gegenseitig in ihren negativen Emotionen. Denn im Gegensatz zum Alleinsein geht Einsamkeit oft mit dem Gefühl einher, ausgegrenzt zu sein. Dies wiederum schwächt das Selbstwertgefühl und macht Menschen anfälliger. Wie Ärzte und Psychologen damit umgehen können, das wird in diesem Beitrag näher beleuchtet und mit den Zuhörern interaktiv diskutiert.

CBASP – Chronische Depressionen: Wie man aus dem Dauertief rauskommt!

Referentin: PD Dr. med. Dipl.-Psych. Angela Merkl-Maßmann | Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Diplom-Psychologin. Theodor Fliedner Stiftung, Fliedner Klinik Berlin und Lehrbeauftragte der Charité Universitätsmedizin Berlin. CBASP-Therapeutin und Supervisorin

Die Chronische Depression tritt mit einer Häufigkeit von bis zu 30% auf, führt zu geringeren Response-Raten im Vergleich zur episodischen Verlaufsform der Depression und beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen stark (Keller et al., 2000). Um den vielschichtigen Problemen chronisch depressiver Patienten gerecht zu wer- den, entwickelte Professor James McCullough aus Richmond, U.S.A., ein störungsspezifisches Behandlungskonzept, welches schulenübergreifend kognitive, verhaltenstherapeutische, interpersonelle und psychodynamische Strategien integriert. Hinter dem schwer einzuprägenden Begriff „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) verbirgt sich eine der interessantesten Entwicklungen der kognitiven Verhaltenstherapie der letzten Jahre. Die CBASP setzt direkt an der spezifischen Psychopathologie chronisch Depressiver an, worunter McCullough ein präoperatorisches Denken und eine Entkoppelung der Wahrnehmung des Betroffenen von seiner Umwelt versteht. Zum Stillstand gekommene Reifungsprozesse werden als ätiologische Basis für chronische Depressionen angesehen. Die CBASP konzeptualisiert die Depression in Form einer „Person x Umwelt“-Perspektive und leitet die Patienten dazu an, zu berücksichtigen, was sie bei anderen auslösen. Es ist das einzige interpersonelle Psychotherapieprogramm, das spezifisch für die Behandlung chronischer Depressionen entwickelt wurde und soll in diesem Symposium anschaulich vorgestellt werden.

Buchungscode: Sym 7

Veranstaltungsort
Steigenberger Graf Zeppelin
Arnulf-Klett-Platz 7
70173 Stuttgart
www.steigenberger.com
0711 / 2048 – 0

Teilnahmegebühr
Die Teilnahmegebühr am Symposium beträgt 250,- Euro (inkl. MwSt.). Speisen und Getränke sind in der Teilnahmegebühr enthalten.

Fortbildungspunkte
Für das Symposium werden bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg 9 CME-Punkte beantragt.

Wissenschaftliche Leitung
PD Dr. med. Dipl.-Psych. Angela Merkl-Maßmann

Zeitplan

09:00 – 09:30 Uhr
Akkreditierung und Begrüßung
Frühstückssnack

09:30 – 11:00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Univ.-Prof. Dr. Jürgen Margraf

11:00 – 11:15 Uhr
Zeit zur Beantwortung des Fragebogens
kurze Pause
gesunder Energysnack

11:15 – 12:45 Uhr
Vortrag und Diskussion mit PD Dr. Julia Brailovskaia

12:45 – 13:30 Uhr
Zeit zur Beantwortung des Fragebogens
Lunch
3-Gänge-Menü

13:30 – 15:00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Sonia Lippke

15:00 – 15:15 Uhr
Zeit zur Beantwortung des Fragebogens
kurze Pause
Nachmittagssnack

15:15 – 16:45 Uhr
Vortrag und Diskussion mit PD Dr. med. Dipl.-Psych. Angela Merkl-Maßmann

16:45 – 17:00 Uhr
Zeit zur Beantwortung des Fragebogens
Verabschiedung