04.04.2020 | Bochum

Stillachhaus-Campus Akademie® Symposium in Bochum

CME Zertifikat

Für das Symposium in Bochum werden 9 CME-Punkte bei der Landesärztekammer Westfalen-Lippe beantragt.

Highlight der Symposien 2020
Das Symposium findet in den Räumen des Forschungs- und Behandlungszentrums für Psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum statt. Prof. Dr. Jürgen Margraf wird durch die Räume seines Forschungs- und Behandlungszentrums führen.

Schmerz – eine Zeitdiagnose?

Referent: Prof. Dr. Matthias Rose | Direktor Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik, Charité-Universitätsmedizin Berlin

Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Prävalenz von Schmerzerkrankungen weltweit. Schätzungen gehen von ca. 15 Mio. Patienten aus, die an wiederkehrenden Rückenschmerzen leiden und ca. 750.000 an einer chronischen Schmerzerkrankung. An erster Stelle der Gründe für ambulante Krankschreibungen steht der Rückenschmerz, noch vor den Infektionserkrankungen. Die Europäische Schmerzgesellschaft spricht dem Schmerz bereits den Wert einer eigenen Erkrankungsentität zu, die Internationale Schmerzgesellschaft sieht in der konsequenten Schmerzbehandlung sogar ein ‚Universelles Menschenrecht‘. Auf der anderen Seite sterben heute in den USA mehr Menschen als jemals zuvor an einer Überdosis von Opioiden, darunter erstmals überwiegend ärztlich verschriebene Medikamente. In dem Vortrag soll zunächst auf die verschiedenen Krankheitsmodelle des Schmerzes und die Ursachen für dessen Zunahme eingegangen werden, bevor die neurobiologischen Befunde bei chronischen Schmerzpatienten dargestellt werden, die die Grundlage für eine individualisierte Schmerztherapie darstellen. Am Ende der Veranstaltung sollen anhand von Fallbeispielen gemeinsam die Prinzipien einer multimodalen Schmerztherapie erarbeitet werden. Die Fallbeispiele stammen aus der Arbeit in dem interdisziplinären Schmerzzentrum der Charité, in dem Anästhesisten, Physiotherapeuten, Psychologen, Neurochirurgen und Fachärzte für Psychosomatik in der ambulanten, teil- und vollstationären Versorgung seit Jahren eng zusammenarbeiten.

Von der Macht der Erwartung – Grundlagen und klinische Implikationen des Placeboeffekts

Referentin: Prof. Dr. Christiane Hermann | Justus-Liebig Universität Gießen

Lange Zeit galt der Placeboeffekt als konfundierender und unspezifischer Faktor bei Interventionen, der im Kontext von randomisiert placebo-kontrollierten Studien herangezogen wurde, um die spezifische Wirksamkeit einer medizinischen oder psychologischen Behandlung abzuschätzen. In den letzten 20 Jahren hat die Forschung allerdings gezeigt, dass der Placeboeffekt vielmehr als psychosozialer Kontextfaktor zu verstehen ist, der integraler Bestandteil jeder Behandlungsmaßnahme ist. Psychologische Mechanismen und speziell Erwartungen auf Seiten des Patienten sind hierbei von zentraler Bedeutung. Verschiedene Wege, wie diese Erwartungen generiert werden können, wurden inzwischen beschrieben und systematisch untersucht, insbesondere im Kontext der Placebohypoalgesie. Lag der Schwerpunkt der Forschung ursprünglich auf der Identifizierung der dem Placeboeffekt zugrundliegenden psychologischen und neurobiologischen Mechanismen stehen inzwischen Fragen nach interindividuellen Unterschieden und Fragen nach der Umsetzung der Erkenntnisse in der klinischen Praxis im Vordergrund. Insbesondere unter Berücksichtigung ethischer Bedenken haben sich Placebobehandlungen ohne Täuschung des Patienten als ein vielversprechender Weg erwiesen, wie die Erkenntnisse der Placeboforschung zur Optimierung von Behandlungsergebnissen genutzt werden können. Diese Entwicklungen werden im Kontext der Behandlung von (chronischem) Schmerz und Depression illustriert.

Nudging: Können wir schlauer handeln als wir denken?

Referent: Prof. Dr. Jürgen Margraf | Alexander von Humboldt-Professur für klinische Psychologie und Psychotherapie, Ruhr-Universität Bochum

Die meisten von uns kennen den gesunden Lebensstil: Viel Bewegung, die richtige Ernährung, stabile Beziehungen, nicht zu viel Stress. Aber nur die wenigsten von uns setzen das wirklich um – warum? Wir Menschen sind zu recht stolz auf unser Denkvermögen. Unsere Informationsverarbeitung ist bewundernswert erfolgreich, aber ihre Kapazität ist nicht unbegrenzt. Unser Denken ist daher nicht vollkommen rational, sondern nur begrenzt rational. Im Alltag behelfen wir uns mit einer Vielzahl meist einfacher Faustregeln, sogenannten Heuristiken. Diese erlauben rasches Urteilen und Handeln. Häufig sind sie solide Leitlinien für die Lebensbewältigung. Sie können jedoch auch in die Irre führen, und dies sogar systematisch. Die moderne Psychologie hat dies detailliert beschrieben und die verantwortlichen Mechanismen identifiziert. Wir verhalten uns unvernünftiger, als wir meinen – selbst wenn wir das Richtige kennen. Wenn wir aber die Eigenheiten der menschlichen Informationsverarbeitung kennen, können wir uns selbst „überlisten“ und tatsächlich schlauer handeln als wir denken. Hier setzt das „Nudging“ an. Es bezeichnet sanfte „Schubser“ in die richtige Richtung, die uns helfen, schlauer zu handeln, als wir denken können. Es geht nicht um Verbote oder so starke Anreize, dass unsere Handlungsfreiheit unangemessen eingeschränkt wird. Stattdessen sollen dem Einzelnen auf der Basis unseres „kognitiven Bauplans“ die optimalen Chancen für kluges Handeln in unserem besten Interesse gegeben werden. Beispiele für erfolgreiches Nudging sind die Steigerung von Organspenden und Vorsorgeuntersuchungen durch „Opt-Out“ statt „Opt-In“ oder gesündere Ernährung durch Obstschalen in der Kantine und kleinere Gefäße bei Süßgetränken. Kritisch ist manchmal die Rede von Manipulation und „Big Brother“, die unsere vermeintlich freien Entscheidungen unterminieren. Hier ist eine gesellschaftliche Wertedebatte vonnöten. Nudging muss explizit und auf der Basis eines Wertekonsenses erfolgen. Dabei ist es wichtig, dass wir ohnehin nie völlig unbeeinflusst handeln. Wenn es aber schon Einflüsse gibt, dann doch lieber explizit, in voller Kenntnis der Absichten, auf der Basis eines breiten Konsenses und in die richtige Richtung. Mit Hilfe des über viele Menschen kumulierten Wissens und angemessener prozeduraler Hilfsmittel kann dann auch der Einzelne, kann jeder von uns schlauer handeln als wir denken können.

Irren ist menschlich: Zur Verbesserung der Diagnostik

Referentin: Prof. Dr. Silvia Schneider | Dekanin der Fakultät Psychologie, Ruhr-Universität Bochum

Auch im Zeitalter von DSM-5 und ICD-11 steht nicht alles zum Besten, wenn es um die Diagnosestellung psychischer Störungen geht. Die fundamentalen Veränderungen in den Klassifikationssystem DSM und ICD in den 1980er Jahren, die mit einer höheren Reliabilität und Validität von psychischen Störungen einhergingen, führten bei vielen Forschern und Behandlern zu der Sichtweise, dass nun doch „alles bestens“ sei. Die Frage, ob sich die verbesserte Operationalisierung psychischer Störungen auch wirklich in einer reliableren und valideren Diagnostik im klinischen Alltag niederschlägt war nicht mehr von Interesse. Der Vortrag geht auf wichtige Grundlagen menschlicher Urteilsbildung ein, bevor Fehler und Fallen in der Diagnostik psychischer Störungen zusammengefasst werden. Der Forschungsstand zu Fehldiagnosen in der Psychiatrie und Psychotherapie und deren Konsequenzen für die Betroffenen wird vorgestellt und Maßnahmen zum Schutz vor Fehldiagnosen diskutiert.

Veranstaltungsort
Forschungs- und Behandlungszentrum für Psychische Gesundheit (FBZ)
Seminarraum 1
Massenbergstr. 9-13
44787 Bochum

Teilnahmegebühr
Die Teilnahmegebühr am Symposium beträgt 200,- Euro (inkl. MwSt.). Mittagsbrunch und Getränke sind in der Teilnahmegebühr enthalten.

Fortbildungspunkte
Für das Symposium werden bei der Landesärztekammer Nordrhein 9 CME-Punkte beantragt.

Zeitplan

09:30 – 10:00 Uhr
Akkreditierung und Begrüßung

10:00 – 11:30 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Matthias Rose

11:30 – 11:45 Uhr
kurze Pause

11:45 – 13:15 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Christiane Hermann

13:15 – 14:00 Uhr
Lunch

14:00 – 15:30 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Jürgen Margraf

15:30 – 15:45 Uhr
kurze Pause

15:45 – 17:15 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Silvia Schneider

17:15 – 17:30 Uhr
Verabschiedung